„Wer sich keine Zeit nimmt, kann sich nicht verbessern“

Interview mit Oliver Mattmann über den Swiss Lean Congress
Im Rahmen des Swiss Lean Congress hatten wir die Möglichkeit mit Herrn Mattmann ein Interview zu führen. Herr Mattmann ist Geschäftsführer der Leancom GmbH, welche für die Organisation des Swiss Lean Congress 2017 verantwortlich ist. Zudem ist er als Lean Experte, Hochschuldozent und Referent tätig und wird am Kongress im Oktober ebenfalls auf der Bühne stehen. Herr Mattmann beschäftigt sich nun seit gut 10 Jahren mit den Themen Lean Management und Verbesserung von Organisationen.

In Ihren Worten, was ist Lean Management?
Lean Management bedeutet die stetige Reduktion von Verschwendung und dies bedeutet wiederum, indem wir unsere Verschwendung reduzieren, erhöhen wir unseren Wertschöpfungsanteil. Das ist unsere Aufgabe in Lean Management: täglich die wertschöpfenden Tätigkeiten zu erhöhen und die Verschwendung zu minimieren. Lean Management ist allerdings auch eine Denkhaltung, eine Philosophie, ein Methodentool und eine Methodenbox, die uns unterstützt, besser zu werden.

Wie sind Sie persönlich auf Lean Management gestossen?
Per Zufall. Ich habe einige Zeit in Shanghai, China, bei einer Firma gearbeitet, welche bereits 2004 intensiv Lean Management implementiert hatte. In dieser Hinsicht waren uns die Chinesen etwas voraus.

Als Lean Management Experte, wenden Sie ebenfalls Lean Management in Ihrem Betrieb an?
Selbstverständlich! (Schmunzelt) Wir können unseren Kunden doch nicht Lean Management beibringen und selber dazu nichts unternehmen. Dies gehört ebenfalls zu unseren Aufgaben, selbstkritisch zu arbeiten und täglich nach Verbesserungsmöglichkeiten zu suchen. Wir haben in den letzten Jahren viele Erfahrungen gemacht und versuchen dies auch unseren Kunden täglich weiterzugeben.

Was machen die meisten Schweizer Unternehmen ihrer Erfahrung nach falsch?
Das ist eine sehr gute Frage. Die grösste Herausforderung ist, dass sich Unternehmen keine Zeit für die Verbesserung und Entwicklung nehmen. Zusätzlich gibt es auch einen grossen Nachholbedarf bei den Führungskräften. Wir stellen immer wieder fest, dass die Befähigung und Weiterentwicklung von Führungskräften auf einem tiefen Niveau ist.
Dies hängt direkt damit zusammen, dass Führungskräfte heutzutage gewisse Dinge nicht vorleben, sondern mehr als Verwalter im Hintergrund agieren. Es ist eine grosse Herausforderung, Führungskräfte dazu zu bewegen, als Gestalter und Vorbild aufzutreten.
Was am häufigsten falsch gemacht wird, ist dass zu wenig Integration der Führungskräfte stattfindet und somit auch die Integration der Mitarbeiter nicht vollständig durchdringt. Hinzu kommt die Zeit, welche eine der wichtigsten Faktoren bei der Verbesserung darstellt. Wer sich keine Zeit nimmt, kann sich nicht verbessern. So einfach ist das Spiel und da können wir den Firmen und Betrieben nur empfehlen, sich wirklich die Zeit für diese Transformation zu nehmen. Schritt für Schritt.

Der Swiss Lean Congress findet am 4. Oktober zum ersten Mal in der Schweiz statt. Was ist Ihr persönliches Ziel?
Mein persönliches Ziel ist natürlich, dass die Teilnehmende mit einer grossen Freude nach Hause gehen und der Kongress auf eine super Nachfrage stösst. Das können wir soweit gewährleisten, indem wir ein wirklich gutes Referenten-Portfolio zusammengestellt haben.
Ebenfalls soll sich die Lean Community vermehrt vereinen und vernetzen, um gemeinsam Erfahrungen austauschen zu können. Es ist wichtig, dass die Teilnehmende auch ausserhalb der Branche lernen, sei das in der Industrie, sei das im Gesundheitswesen oder im Detailhandel. Lean Management ist branchenübergreifend und somit sollte auch so gearbeitet werden. Dazu kommt, dass natürlich von anderen guten Beispielen mal ab und zu was abgeschaut werden kann.

Sehen Sie ein Risiko für Unternehmen, die kein Lean Management anwenden?
Lean Management ist sicherlich zu einer starken Waffe geworden. Betriebe die erfolgreich Lean Management eingeführt haben, besitzen eine starke Wettbewerbsfähigkeit. Ob Unternehmen ohne Lean Management in Zukunft bestehen, kann ich Ihnen leider so nicht beantworten.
Fragen Sie sich selbst, würden Sie noch 5-10 Jahre so weiter arbeiten, würde Ihr Betrieb noch bestehen? Wenn Ja, dann machen Sie nichts und geniessen Sie die nächsten 10 Jahre. Wenn Nein, dann ist heute der letzte Tag, an dem Sie nichts tun. Und dann müssten Sie heute mit Ihren ersten Aktivitäten starten, damit sie auch in 10, 20 oder 100 Jahren noch am Markt sein können. Dadurch entwickeln Sie sich zu einer stetig lernenden und weiterentwickelnden Organisation.

Wieso sollten sich Unternehmen die Mühe machen Lean Management einzuführen?
Lean Management stellt nicht nur den Kunden ins Zentrum, sondern auch der Mitarbeiter. Häufig geht dies vergessen oder wird einfach vernachlässigt.
Unternehmen sollten unter anderem Lean Management einführen, um langfristig sich am Markt zu etablieren. Des Weiteren macht es den Mitarbeiter Freude, in Firmen zu arbeiten, in denen täglich Probleme, Abweichungen, aber auch Potentiale besprochen werden können und eine gute Problemlöse- und Fehlerkultur vorhanden ist. Allein dies ist bereits eine grosse Chance und nur deshalb müsste man sich die Mühe machen, Lean Management einzuführen.

In Lean Management stösst man wiederholt auf «Kaizen». Erläutern Sie kurz, um was es sich dabei handelt?
Kaizen ist ein japanischer Begriff, der Verbesserung zum Guten bedeutet. Das ist meiner Meinung nach einer der höchsten Ansprüche, die wir besitzen. Kaizen bedeutet, wenn man den japanischen Mentoren Glaube schenkt, «everybody, everyday, everywhere improvement», also jeder verbessert jeden Tag, an jedem Ort.
Wer sich mit Taiichi Ono, dem Begründer des Toyota-Produktionssystem, auseinandersetzt, hört oft, dass der aktuelle Zustand stets der schlechtmöglichste Zustand ist. Das ist die Voraussetzung bzw. der Grundgedanke, mit dem Sie jeden Tag besser werden können.

Sie sagen, es ist in allen Branchen umsetzbar. Gibt es welche, wo es dringender ist?
Umsetzbar ist es auch Privat. Ob es dringender ist oder nicht, wissen wir nicht. Die Industrie klagt über den starken Franken, das Gesundheitswesen hat Finanzierungsprobleme und einen starken Kostenanstieg in den letzten Jahren erfahren, der Detailhandel spricht vom starken Margenzerfall, sprich: jede Branche und jeder Bereich hat seine Herausforderungen. Dringend nötig haben es demnach natürlich alle.
Sichtbar ist nur, dass beispielsweise die Industrie dem Gesundheitswesen ein paar Jahre voraus ist und in den letzten Jahren bereits ein paar gute Lernschritte machen konnte. Ob es dringender ist oder nicht, ist sehr anspruchsvoll und schwierig zu sagen. Aber ich denke, dass alle Branchen die Notwendigkeit haben, sich zu verbessern und somit einen besseren Service dem Kunden zu garantieren. Sei dies ein Patient, ein Steuerzahler, eine Schülerin im Unterricht, ein Student an einer Hochschule oder sei das als Kunde in einem Detailhandelsbetrieb oder einem Supermarkt. Überall gibt es die Möglichkeit, einen besseren Nutzen für den Kunden zu generieren und das ist auch die Motivation, um überhaupt mit diesen Themen langfristig zu starten.

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