28 Jahre danach – Die Ursprünge von «Lean Production» und was wir heute darunter verstehen

Kein Konzept wird öfter missverstanden als Lean Management, deshalb sei gleich zu Anfang klargestellt: Lean ist weder eine rätselhafte Abkürzung, noch ein Synonym für Rationalisierung. Lean ist ein bald 30 Jahre alter Begriff, der massgeblich von John Krafcik, dem heutigen CEO von Google Self-Driving Cars, geprägt wurde.

1988 publizierte Krafcik in der MIT Sloan Management Review einen Artikel mit dem Titel „Triumph of the Lean Production System”. Damals noch im MIT International Motor Vehicle Program beschäftigt entwarf Krafcik eine kraftvolle Alternative zum klassischen Modell der gepufferten oder robusten Produktion („robust“ oder „buffered Production“). Bis zu diesem folgenschweren Artikel galt das Gegenstück zu diesem traditionellen Ansatz als „fragil“ („fragile“); eine Bezeichnung mit deutlich negativer Konnotation. Die Neukreierung des weit positiveren Gegenbegriffs „Lean“ war somit ein notwendiger Schritt, um das Konzept erfolgreich verbreiten zu können, denn wer liesse sich schon für ein fragiles Management begeistern?

Als Krafciks Artikel erschien, war zumindest in Amerika die gepufferte Produktion das gebräuchlichste Produktionssystem. Dieses beinhaltet die Leitlinie, alle Produktionslinien ständig mit vollen Kosten laufen zu lassen, also permanent zu produzieren und die Lagerhäuser unabhängig vom Bedarf aufzufüllen. Steht eine Maschine still, laufen alle anderen Maschinen auf Hochtouren, um einen Puffer zu schaffen. Dies, obwohl jene Puffer allzu oft fehlerhafte Teile enthalten, welche die Linien, und schlussendlich die gesamte Produktion, aufhalten. Krafcik bezeichnete diese Praxis als „a safe bet for a steady, if unexceptional return”.

Im Gegensatz dazu werden die Bestände einer Lean Anlage auf dem absoluten Minimum gehalten, so dass Qualitätsprobleme und Standzeiten schnell erkannt und gelöst werden können. Zwar beinhaltet diese Strategie durchaus gewisse Risiken, der Gewinn überwiegt aber deutlich. Zudem können die Risiken durch ein eingespieltes und fähiges Team, flexible Zulieferer und ein smartes Produktdesign aufgefangen werden. Dementsprechend setzen Lean Experten auch auf Total Productive Maintenance, Fehlervermeidung, enge Lieferantenbeziehungen sowie Fertigungs- und Produktentwicklung.

Mark Graban, der Autor der englischen Version dieses Blogeintrags, bemerkt dazu aber: „What makes a ‚lean production system‘? It’s not the tools; it’s the management style and the culture. That was true in 1988 and it’s true today.“ Auch Krafcik betonte in seinem Artikel eher die Grundsätze des Toyota-Managements, denn die Anwendung von Lean Methoden. Er stellt klar: 1. Lean bedeutet kontinuierliche Verbesserung und Respekt vor den Menschen: Eine Lean Umgebung behandelt seine Mitarbeitenden also nicht als blosse Rädchen des Produktionsprozesses, die jederzeit ersetzt werden können, sondern sie gibt ihnen die Möglichkeit, ja die Verantwortung, sich ständig zu verbessern. 2. Lean ist ein integriertes Management- und Betriebssystem: So fördert Lean Management die gesamtheitliche Entwicklung und Integration aller Elemente, also der Technologie, der Leitlinien und des Humankapitals. 3. Lean heisst Wandel der Unternehmenskultur.

Basierend auf vielversprechenden Parallelen zwischen Lean Management und Unternehmenserfolg ging Krafcik davon aus, dass sich die Einführung des Lean Managements in den amerikanischen Produktionsstätten als den wichtigsten Erfolgsfaktor im globalen Wettbewerb herausstellen wird. Denn im Gegensatz zu Europa, das angesichts der langen Kulturgeschichte einzig eigene Erfindungen und Ideen etablieren will („the not-invented-here syndrome“), ist Amerika – so glaubte er in den 80er Jahren – viel offener für die Erkenntnisse anderer.

28 Jahre später hat sich zumindest ein Teil von Krafciks Prophezeiungen bewahrheitet, denn in der Autoindustrie hat sich Lean Management ausnahmslos und weltweit durchgesetzt. Die Ablehnung fremder Ideen dagegen ist das neue Sorgenkind des Gesundheitswesens, das sich trotz herausragender Beispiele noch immer gegen den Lean Health Care-Ansatz wehrt.

Quelle:
Graban, Mark (23.09.2013): The Term “Lean Production” is 25 Years Old – Some Thoughts on the Original John Krafcik Article. In: http://www.leanblog.org/2013/09/the-term-lean-production-is-25-years-old-my-thoughts-on-the-original-article/, 29.11.2016.

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